Donnerstag, 11. November 2004

Pussy-Synchronizität

En route nach Steglitz in der U9, was laut bvg.de schneller geht als mit Tram und S-Bahn, zum theaterwissenschaftlichen Institut der Freien Universität, junge Menschen korrumpieren. Ein kleiner Mann setzt sich neben uns. Mitte Ende 60, Blouson leuchtend violett mit gelben Applikationen, Schiebermütze. In seiner Apothekenzeitschrift hat er annotierte Zeitungsausschnitte gesammelt, dazwischen ein quadratischer weißer Zettel, dem Format nach ein Blatt von einem dieser wuchtigen Zettelblocks. Am Ende der ersten Zeile entziffere ich in krakeliger Alte-Leute-Schrift in blauem Kugelschreiber "... wie soll ich es nennen". Davor und danach scheinen nur Bezeichnungen für das weibliche Geschlecht zu stehen, pussie (klein aber mit ie), Spalte, Höhle, Busch ....

Er bemerkt mein Mitlesen und verbirgt den Zettel zwischen den anderen, holt ihn aber gleich wieder vor. Entweder er spielt mit mir oder er kann sich den Genuss der Lektüre einfach nicht versagen. Eigene Dichtung, das Geschenk einer späten Liebe?

Besonders gut: Ich sprach gerade mit meinem Nachbarn zur Linken über Tim Etchells' Strategien der Textgenese mit Forced Entertainment, die ca. genau so funktionieren. Gefundener Text, Listen, Obszönitäten.

15 Jahre 2 Tage später

Von der Wohnung in Kreuzberg, in der Nähe des Landwehrkanals, war die Mauer ca. 2 km entfernt. Ich mochte die engen Gassen, in die sich einige Straßen verwandelt hatten, weil in der Mitte die Mauer stand. So gemütlich kam mir das preußisch-aufmarschplanmäßige Berlin sonst nicht vor.

In der Wohnung gab es einen Farbfernseher. Nussbaumgehäuse, das grünstichige Bild mit rund geschrumpelten Kanten saß fast mittig auf dem großen Bildschirm. Jeder sprechende Kopf war ein langgezogen-grünliches Ei. Die Riesenkiste stand auf einem radlosen Einkaufwagen neben meinem Bett. Das gefiel mir.

Am 9. November 1989 sah ich Ausschnitte aus der Schabowski-Pressekonferenz und dachte: Was denn jetzt wieder? Ausreisen? Was denn noch alles? Meine Sympathie für die "Wir sind das Volk"-Demos war bei "Wir sind ein Volk" abgeflaut und bei "Deutschland einig Vaterland" weg. Das klang wie "Ein Volk ein Reich ein Führer".

Am 9. November 1989 ging ich früh schlafen. Um 3 Uhr früh rief meine Tante aus New York an und fragte, ob in Berlin Revolution sei. Auf CNN seien aufgeregte Menschen mit Deutschlandfahnen zu sehen. Ich horchte und meldete nach New York, dass Ecke Böckh und Grimm alles ruhig sei. Dann schlief ich weiter. Da schütteten am Grenzübergang Bornholmer Straße schon Westberliner Sekt auf Trabis.

Von da an war jeden Abend die dämliche Fresse von Ulli Zelle auf SFB III live dabei, wenn Ossis mit Geld und Bananen versorgt wurden. Im Radio erklärte ein Kreuberger Gemüsehändler, dass jetzt alle Ausänder abzureisen hätten, weil Platz, Gemüse, Arbeitsplätze für die Deutschen benötigt würden. Rührende Szenen. Erst im Frühjahr 1990 ging ich eines Nachmittags rüber und trank im Nikolaiviertel sechs Bier für Stück ca. 35 Pfennig West.
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